Multiple Sklerose

Eine Krankheit die alles machen kann…

Für keine andere Erkrankung im Bereich der Neurowissenschaften hat sich unser Verständniss und die Behandlung in den letzten dreißig Jahren so verändert wie für Multiple Sklerose.

Früher gaben uns neurologische Probleme, die sich auf keinen einzelnen im Gehirn oder Rückenmark lokalisierbaren Herd zurückführen ließen so manches Rätsel auf. Erst komplizierte Untersuchungen zeigten dass es eine Entzündung im Gehirn sein mußte. Die Behandlung war sehr unspezifisch und wenig nachhaltig. Galt es vor wenigen Jahren noch als verpönt bei Multipler Sklerose über eine „Auto-Immunerkrankung“ zu sprechen so sind wir heute sehr viel weiter. Letztlich auch dank der Erforschung des Immunsystems in Zusammenhang mit erworbenen Immundefiziterkrankungen wissen wir woran wir bei der MS sind.

Was passiert eigentlich?

Mutliple Sklerose ist eine Krankheit die in verschiedenen Phasen verläuft.

In der ersten Phase treten entzündliche Schübe auf (daher wird sie schubhafte Phase genannt). Zunächst kommt es zu einer Entzündung, die durch eine direkte Reaktion des Immunsystems auf die Markscheiden der Nervenbahnen entsteht. Hierdurch kommt es sehr rasch zu einem Ausfall der Funktion dieser Nervenbahn. Dieser Ausfall ist prinzipiell wieder rückgängig zu machen, meist bleiben aber bestimmte, wenn auch sehr geringe Funktionseinschränkungen zurück. Sehr häufig sind die ersten Symptome im Bereich des Sehnerven angesiedelt. Es kommt plötzlich zu einer Beeinträchtigung des Sehens, Flimmern oder Ausfälle des Gesichtsfeldes, die mehr als 24 Stunden anhält und sich danach erst langsam rückbildet. Auch in anderen Bereichen können neurologische Ausfälle entstehen: Gefühllosigkeit oder Schwäche einer Extremität, o.a. Immer beginnen die Krankheitsymptome recht rasch, nie schlagartig, und sie bilden sich nach einigen Tagen mehr oder weniger vollständig zurück. Bereits aus dieser typischen Art des Verlaufs haben Neurologen schon früher auf die entzündliche Ursache der Erkrankung geschlossen. Rückenmarkswasser-Untersuchungen brachten Gewissheit in der Diagnose. Heute wissen wir Genaueres und können daher auch wesentlich gezielter auf die schädlichen Prozesse zugreifen, als dies vor zwanzig Jahren der Fall war.

In einer späteren Phase der MS, der sogenannten degenerativen Phase müssen keine weiteren Schübe mehr passieren. Dennoch gehen Nervenzellen zugrunde
und zwar deshalb, weil sie von dem Kontakt mit den anderen Nervenzellen abgeschnitten sind. Da Nervenzellen kommunikative Wesen sind ist für sie der Entzug von Reizen eine tödliche Gefahr.

Diagnostik:

Seit der Einführung der Magnetresonanztomografie (MRT) ist der Nachweis von älteren und neueren MS-Herden kein Problem mehr. Wir wissen dadurch wo, welcher, wie große und wie alte Herde vorhanden sind. Dadurch gibt es die Möglichkeit die Therapie sehr differenziert und den Erfordernissen entsprechend zu verordnen. Wenn z.B. nur einmal entzündliche Symptomatik aufgetreten ist und dies sich auch durch die MRT belegen läßt (sogenannte CIS: Clinically Isolated Syndrome) wird andres vorgegangen, wie wenn laufend neue Schübe auftreten bzw. in der MRT eine Vielzahl von Herden unterschiedlichen Alters zu sehen sind. Es ist natürlich auch wichtig wo die Herde sind, denn die Strukturen unseres Nervensystems sind unterschiedlich anfällig und für unser Leben von unterschiedlicher Bedeutung.

Eine gute Zusatzuntersuchung, besonders wenn wir den Verdacht haben ein handelt sich um eine einmalige Entzündung des Sehnervens ist die Untersuchung der sog. visuell evozierten Potentiale. Hierbei werden uns über einen Bildschirm umspringende Kontrastmuster (Schachbrettmuster) gezeigt und die Zeit gemessen, wie lange ein Impuls vom Auftreffen auf der Netzhaut bis zur Sehrinde braucht. Bei Entzündungen ist das Zeitintervall verlängert.

Um genaueres über Verlauf und Prognose zu erfahren ist oft eine Liquorpunktion wichtig. Diese Untersuchung ist unangenehm, gibt aber sehr wertvolle Informationen über die aktuelle Lage der Entzündungsituation im Gehirn und Rückenmark. Die Entnahme der Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) geschieht normalerweise von der Höhe des vierten Lendenwirbels aus. Wenn nachher Bettruhe eingehalten wird und viel Flüssigkeit getrunken sind die Folgen der Untersuchung (Kopfschmerzen) absolut überschaubar.

Behandlung:

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die Veränderungen auf sehr vielen verschiedenen Ebenen nach sich zieht. Einerseits treten die akuten Erkrankungsschübe auf, die rasch behandelt werden sollen. Andrerseits haben die Veränderungen an der weißen Substanz Auswirkungen auf die gesamte Funktion des Gehirns und diese sind für die chronische Phase verantwortlich. Zusätzlich haben die durch die/den Betroffenen merkbaren Einschränkungen, wie Lähmungserscheinungen, Gefühls- und Sehstörungen und Mattigkeit, jeweils wieder Folgen, vor allem auf der physikalischen Ebene. Bereits durch leichte Lähmungen können Fehlhaltungen auftreten und z.B. Gelenke ungleichmäßig abgenützt werden, was Schmerzen und weitere Bewegungseinschänkung nach sich zieht.

Daher müssen Multiple Sklerose und deren Folgen auf allen verfügbaren Ebenen behandelt werden:

  1. Behandlung eines akuten Schubes: Da es sich bei einem akutem Schub um eine Entzündung handelt und eine Entzündung einer bekannten Gesetzmäßigkeit folgt gilt: Je früher eine neue Symptomatik behandelt wird, desto größer sind die Chancen dass sich die Symptomatik vollständig rückbildet. Daher sollen MS-Kranke bei neuen Symptomen sofort den Arzt aufsuchen und ein adäquate Therapie (meist hochdosiertes Cortison) erhalten. Manchmal treten auch akute Beschwerden auf, die die/den Betroffenen glauben lassen, es sei ein akuter Schub. In der fachärztlichen Untersuchung stellt sich aber heraus, dass keine neuen Symptome dazu gekommen sind. Dann wäre das Cortison überflüssig. Um solche Unsicherheiten zu vermeiden, ist es gut einen behandelnden Arzt zu haben, der die bisherigen Symptome genau dokumentiert hat.
  2. Prophylaxe der Schübe: bei der schubhaften MS bzw.in der Phase in der Schübe auftreten ist jeder Schub einer zuviel. Daher wurden moderne hochwirksame Medikamente entwickelt, die Schübe verhindern oder seltener machen. Diese Medikamente sind sehr teuer und werden daher nur nach ausreichender Diagnosesicherung verordnet und von der Krankenkasse bezahlt. Zusätzlich besteht die Schwierigkeit, dass nicht jedes dieser Medikamente für jeden Betroffenen gut verträglich ist. Auch hier ist es gut mit einem Arzt, den man kennt und zu dem man ein gutes Vertrauensverhältnis hat die Probleme besprechen und ev. verringern zu können.
  3. Behandlung der körperlichen Einschränkungen: Sehr oft sind die körperlichen Symptome minimal, sie können aber schwerwiegende Folgen haben, wenn sie Fehlhaltungen und Gelenksabnützungen verursachen. Daher wird ein erfahrener Arzt die Symptome ernst nehmen und die richtige Behandlung einleiten. Ds kann die gesamte Palette der physikalischen Therapie, Heilgymnastik, Akupunktur, Infiltration, Schmerztherapie oder was auch immer nötig ist sein.
  4. Behandlung der psychischen Folgen. Schmerzen, Depression, Bewegungsmangel, Angst und v.a. Müdigkeit manchmal auch Einschränkungen gewisser höherer Hirnleistungen können bei Multipler Sklerose auftreten. Auch diese Symptome sind durch gezielte Behandlung minimierbar. Wichtig ist es zu wissen, was man machen soll und welche Medikation am sinnvollsten ist.
    In diesem Zusammenhang hat auch die Psychotherapie einen wesentlichen Platz in der Behandlung der MS. Mit Psychotherapie ist es möglich Schmerz, Trauer, Wut zu verarbeiten und krankmachende Muster aufzudecken. Allein dadurch konnte auch in Einzelfällen anhaltende Freiheit von Schüben erreicht werden.
  5. Behandlung der Begleiterkrankungen. Da Multiple Sklerose eine große Vielzahl von Symptomen verursachen kann, treten auch Folge- und Begleiterkrankungen in sehr unterschiedlichen Organen und Ausprägungen auf. Dies können z.B. urologische Komplikationen sein, als Folge der eingeschränkten Blasenfunktion (neurogene Blasenstörung). Natürlich spielen auch Probleme mit der Sexualität eine große Rolle. Außerdem sind alle Folgen der Einschränkung der Beweglichkeit und der damit verbundenen Bewegungsreduktion ein wichtiges gesundheitliches Thema.
    Diese Probleme können mit herkömmlichen Methoden (z.b. Antibiotika bei Blasenentzündung) behandelt werden. Man kann aber auch verschiedene Alternativen in Betracht ziehen. Nicht immer ist der sog. „schulmedizinische“ Weg der beste. Gerade bei den Folge-Erkrankungen ist es notwendig, sehr umsichtig und ganzheitlich denkend auf die veränderten Bedürfnisse des MS-Kranken einzugehen.
  6. Behandlung des sozialen Umfeldes. Für jeden chronisch Kranken ist es notwendig sich mit den Gegebenheiten seiner Erkrankung auseinander zu setzen. Aber dasselbe ist auch für das engere und weiter Umfeld notwendig. Manche „Freunde“ werden sich zurückziehen, aus welchen Gründen auch immer. Manche werden immer einbringen und sich ständig besser wissen, was getant werden sollte. In diesen Konfliktfeldern ist es nicht leicht für eine Familie, in der ein Mitglied erkrankt ist, die sozialen Kontakte weiter zu pflegen. Die direkten Angehörigen sind durch die Probleme der Krankheit, die Bedürfnisse des Kranken, die Arztbesuche, die verminderte bzw. veränderte Leistungsfähigkeit des Kranken bzw. die eigene Betroffenheit und Trauer bereits sehr belastet. Dann treten auch Probleme im Umfeld und finanzielle Probleme dazu. Da kann es schon gut sein, sich als betreuender Angehöriger noch zusätzlich fachärztlichen Rat und konkrete Hilfe zu holen.

Abschließend möchte ich bemerken: So wichtig „MS-Zentren“ für die Diagnostik und Behandlung der Betroffenen sind, sie können nicht alle Probleme abdecken, die in Zusammenhang mit dieser Erkrankung auftreten. Daher ist es nie falsch, zusätzlich einen Facharzt mit Erfahrungen auf dem Gebiet ganzheitlicher Medizin und psychotherapeutischer Medizin in diese Thematik mit einzubeziehen. Der Wechsel des Blickpunktes bringt viele neue Ideen und hat so manchen Kranken bzw. seine Angehörigen aus der Verzweiflung und dem emotionalen Tief herausgeholt.